Ängste
Jo besaß einen Feind: Den Hahn seiner Eltern. Wenn Jo nach Hause kam, schaute er vorsichtig in den Garten, ob der Hühnerstall geschlossen war. Dann griff ihn der Hahn nicht an. Oft erlebte er, dass der Hahn mit gesträubten Federn, nach vorne gestreckten Kopf mit spitzem Schnabel, sehr schnell auf ihn zu rannte. Jo musste entweder zurück auf die Straße flüchten, oder die rettende Haustür erreichen.
Einmal schaffte er es nicht. Der Hahn schnitt ihm den Fluchtweg ab. Jo rannte hilflos durch den Garten und stolperte über einen Ast. Er fiel auf den Boden. Ängstlich schaute er zur Seite und sah dem Hahn direkt in die Augen. Kalte, unerbittliche Knopfaugen starrten ihn an. Aber sein Feind tat nichts. Langsam glätteten sich seine Federn und er sah aus, wie ein normaler Hahn.
Jo blieb sicherheitshalber noch einige Zeit liegen. Der Hahn stolzierte zu seinen Hennen. Jo sprang auf und rannte in das Haus.
„Er war ein fairer Feind“, gestand er Egon nachmittags: „Habe ich vom ihm nicht erwartet.“
Abends bat Jo seine Mutter, den Hahn zu schlachten.
„Warum sollen wir ihn schlachten“, fragte sie erstaunt.
„Der Hahn hackt nach mir mit seinem spitzen Schnabel.“
„Unsinn, du bist doch viel stärker als er“, behauptete seine Mutter.
„Trotzdem, ich habe Angst vor ihm!“
„Sei nicht albern. Deine Schwester hat keine Angst vor einem Hahn und sie ist ein Mädchen! Du bist ein deutscher Junge, bekämpfe deine Angst siegreich.“
Am nächsten Tag ging Jo zu seinem Großvater und erzählte ihm von dem Gespräch mit seiner Mutter.
„Weißt du, Jo“, antwortete sein Opa, „alle Menschen haben Angst, sogar ich. Das ist gut, es schützt uns vor Schmerzen und Schlimmeren.“
Er nahm seinen Enkel an die Hand und ging zu seinem Hühnerstall. Jos Großmutter fütterte gerade ihre vielen kleinen, braunen und großen, weißen Hühner. Als sie ihren Mann und Jo kommen sah, ahnte sie nichts Gutes.
„Lasst meine Hühner in Ruhe“, rief sie: „Sie haben euch nichts getan!“
„Keine Sorge“, antwortete barsch sein Opa, „deine Hühner interessieren uns nicht.“
Nach einer Pause, in der er das Gatter des Hühnerstalls sorgsam hinter sich schloss, ergänzte er grinsend: „Wir bevorzugen heute Hähne!“
Unter den argwöhnischen Augen seiner Großmutter, ergriff sein Opa einen prächtigen, dicken Hahn an den Füßen und zog ihn an den Beinen nach oben. Der Hahn flatterte etwas und hing dann still, Kopf nach unten in der Hand seines Großvaters.
„Komm zu mir, Jo“, forderte er. Dann legte er mit leichtem Zwang die kahlen Beine des Hahns in Jos Hand.
„Hast du ihn fest in der Hand?“, fragte er. Jo bejahte und war überrascht, wie leicht dieser große Hahn war.
„Jetzt schleudere ihn drei Mal im Kreis herum“, befahl sein Großvater. Als Jo zögerte, befahl er: „Tue es jetzt!“
Jo gehorchte und schleuderte den Hahn durch die Luft. Dann warf er ihn erleichtert auf den Boden. Der Hahn taumelte etwas, als er in eine Ecke des Geheges flüchtete. Jo empfand ein riesiges Glücksgefühl. Er hatte einen Hahn besiegt.
Sein Opa zerstörte seine gute Stimmung. Er befahl Jo, einen anderen Hahn an den Füßen zu packen und hoch zu ziehen. Plötzlich kam die Angst zurück.
„Der Hahn hackt mir bestimmt in die Hand“, dachte Jo. Er sah unsicher zu seinem Großvater, der ihm aufmunternd zulächelte, und zu seiner Großmutter, die sehr skeptisch blickte.
‚Für meinen Opa kann ich mir schon mal in die Hand pieksen lassen’, dachte Jo aufopfernd. Er ging zum Futtertrog und suchte sich einen kleinen, braunen Hahn aus, griff nach dessen Füßen und zog ihn hoch. Überrascht stellte er fest, dass der Hahn keine Gegenwehr leistete.
„Jetzt schleudere ihn herum“, rief sein Großvater aufmunternd. Jo tat es. Dann ließ er den Hahn frei, der taumelnd zum Futtertrog zurück kehrte.
„Noch ein Mal“, rief applaudierend sein Opa.
„Jetzt reicht es aber“, mischte sich seine Großmutter ein: „Ihr macht meine Hähne noch unfruchtbar mit eurem Unsinn.“
Jo und sein Opa verließen das Hühnergehege.
„Was meinte Oma eben?“, fragte Jo.
„Es ist wie bei den Menschen“, erklärte sein Großvater: „Wenn du Kinder haben willst, brauchst du einen Mann und eine Frau.“
Jo verstand nicht, was sein Opa meinte. Er sagte es ihm.
„Du hast erzählt, dass deine Mutter euren Hahn nicht schlachten will“, erklärte sein Großvater: „Der Grund ist, dass dann eure Hühner keine Küken mehr bekommen. Wäre doch sehr schade. Küken sind doch sehr niedlich.“
Dann nahm ihm sein Großvater noch eine Wette ab: „Wenn du es schaffst, deinen Hahn genauso herum zu schleudern wie meinen, bekommst du eine Woche lang umsonst Limonade von mir.“
Jo war begeistert von seinem Großvater. Er wusste, dass er bei jedem Besuch bei seinem Opa kostenlose Limonade bekam, aber sein Opa hatte mit ihm gewettet. Das war wichtig für ihn. Wetten war Kindern verboten, hatten ihm seine Eltern beigebracht.
Er rannte sofort nach Hause, riss die Tür des Hühnerstalls auf und stürmte auf den Hahn zu. Die Hühner flogen gackernd zur Seite. Der Hahn verharrte regungslos. Jo ergriff ihn an den Füßen, zog ihn nach oben und schleuderte ihn durch die Luft. Erst als ihm einfiel, dass sein Feind auch zu ihm fair gewesen war, ließ er ihn wieder los. Der Hahn lag einige Zeit still am Boden. Dann richtete er sich vorsichtig auf. Jo verließ den Hühnerstall als Sieger.
Stolz wollte Jo seinem Großvater von dem Sieg über seinen schlimmsten Feind berichten. Wie üblich begrüßte er vorher den Hund seines Opas, um ihn zu streicheln. Aber der Hund lag hinten in seiner Hütte und rührte sich nicht. Jo kroch in die stinkende Hundehütte. Er berührte den Hund. Nass und klebrig fühlte er sich an. Kaum erhob er seinen Kopf, um Jo zu begrüßen. Jo fühlte, dass der Hund am ganzen Körper zitterte.
„Der Hund ist krank“, brüllte Jo laut in die Gaststätte seines Opas. Die Gäste hoben überrascht die Köpfe. Sie starrten Jo an. Aber sein Großvater reagierte sofort. Er verließ seinen Platz hinter der Theke, nahm Jo an die Hand und ging schnell zum Hund.
Er zog den Hund an der Kette aus seiner Hütte, löste den Karabinerhaken und legte ihn auf eine Schubkarre.
„Komm’ mit, wir gehen zu Kaminski“, befahl er. Der Tierarzt wohnte in der Nähe von seinem Opa. Jo konnte dem eiligen Schritt seines Großvaters kaum folgen.
Sein Opa ging einfach durch das Wartezimmer in den Behandlungsraum. Kein Widerspruch der Wartenden war zu hören. Das Bild seines Großvaters vergaß Jo nie: Ein großer, dicker Mann mit Glatze trug einen räudigen, stinkenden, alten Hund auf den Armen und schrie ‚Kaminski’.
Der Tierarzt unterbrach sofort die Behandlung einer Katze und führte sie in einen Nebenraum.
„Mein Enkel ist bei mir, Karl“. Barsch und befehlend klang die Stimme seines Großvaters, als er den Hund auf einen weißen Tisch legte. Der Tierarzt kannte den Kettenhund. Er sagte leise: „Wir sollten ohne deinen Enkel sprechen.“
„Nein!“
„Wie du willst: Der Hund ist unterernährt, hat Läuse und Geschwüre am Körper.“
Dann untersuchte der Arzt den Hund und ergänzte: „Seine Leber ist geschwollen, er hat Rippenbrüche und einen Darmverschluss.“
„Beseitige das alles“, befahl sein Großvater.
„Dafür könntest du dir drei neue Hunde kaufen“, wagte der Tierarzt einzuwenden.
Sein Opa sah den Tierarzt nur an. Dann sagte er: „Der Hund ist der Freund meines Enkels!“
Jo zuckte zusammen, als der Tierarzt dem Hund Spritzen setzte und sogar einen Schlauch einführte. Aber er schloss nie die Augen, sogar als ihm gesagt wurde, der Hund würde jetzt wie tot aussehen. Er hatte Angst, sein Freund, der Hund, würde sterben.
„Jetzt kannst du den Hund langsam zurück karren“, sagte sein Großvater nach der Behandlung: „Ich komme später nach, muss noch mit Karl etwas regeln.“
Er trug den Hund zur Schubkarre und legte ihn hinein. Dann ging er zurück zum Tierarzt.
Jo schob die Karre langsam und vorsichtig zum Haus seines Großvaters zurück. Der Hund lag regungslos vor ihm in dem schaukelnden Gefährt. Seine Betäubung war noch nicht vorbei. Die Schubkarre mit dem Hund war schwer. Aber Jo schaffte es, den Hund zurück zu bringen.
Erstaunt bemerkte er, als er den Hund aus der Karre vor seiner Hütte auskippte, dass frisches Stroh ausgelegt war. Sogar ein neuer Napf mit Wasser und ein zweiter mit Essensresten standen vor dem Verschlag. Selbstverständlich legte er dem Hund wieder die Kette an. Der Hund war schließlich ein ‚Kettenhund’.